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Kobun hat Verspätung

Artikel von Jack Smith aus dem Buch "Erinnerungen an Kobun"

In den frühen Achtzigern kam Kobun aus Kalifornien angereist, um unsere kleine Sogetsuin-Sangha im westlichen Michigan zu besuchen. Um seine Ankunft zu feiern, hatte Dan Gerber zu einem Abendessen eingeladen. Die bereits eingetroffenen Gäste waren aufgeregt und sahen dem Wiedersehen mit Kobun mit grosser Erwartung entgegen. Ich sollte ihn abholen und freute mich darauf, mich auf der Rückfahrt vom Flughafen etwa eine Stunde lang mit ihm alleine unterhalten zu können und auf den neuesten Stand zu kommen.

Als ich die Ankunftshalle betrat, bemerkte ich eine junge Frau, die weinend auf einer Bank sass; da Kobuns Flugzeug erst in einigen Minuten landen würde, ging ich zu ihr hin und fragte, was los ist und ob ich ihr helfen könne. Sie erzählte mir eine traurige Geschichte darüber, dass sie den Flug nach Milwaukee, wo sie ihren Freund treffen wollte, verpasst hatte. Beide hatten geplant, ein Konzert der Grateful Death zu besuchen, aber jetzt sei ihr Freund böse auf sie, und überhaupt würde in ihrem Leben alles den Bach runter gehen. Ich versuchte sie zu trösten, bemerkte aber auch, dass meine Versuche, ihr eine einigermassen realistische Perspektive anzubieten, nichts fruchteten.

Dann war es an der Zeit, Kobun am Gate abzuholen, und ich ging, einigermassen verunsichert darüber, wie dem armen Mädchen zu helfen sei. Alle Passagiere stiegen aus, aber Kobun war nirgendwo zu sehen. Nette Leute am Schalter bestätigten, dass er das Flugzeug in Chicago, wo er einen Zwischenstopp einlegte, nicht bestiegen hatte. Eine Stunde später landete jedoch ein weiterer Flug, und Kobuns Name stand auf der Passagierliste. Ich wartete also weiter, die Maschine traf pünktlich ein, aber auch diesmal war Kobun unter den Passagieren nicht zu entdecken. 

Ich rief Dan in Sogetsuin an und erklärte ihm die Lage, ging dann erneut zum Schalter der Fluggesellschaft, wo mir bestätigt wurde, dass Kobun tatsächlich auch diesen Flug verpasst hatte, aber mir zugleich versichert wurde, er sei auf einen weiteren gebucht, der in anderthalb Stunden eintreffen würde.

Das Ganze hat eine gewisse Komik, wäre da nicht das unglückliche Mädchen am anderen Ende der Halle gewesen.

Schliesslich traf die dritte Maschine am O'Hare-Flughafen aus Chicago ein, und die letzte Person, die die Gangway entlang kam, war Kobun. Sein Schritt war beschwingt, und er hilt einen verbundenen Finger in die Luft. Er trug einen braunen Samu-e, mit dem er sich deutlich von den anderen Passagieren abhob, und hatte ein paar in Stoff eingewickelte Bündel in der anderen Hand. Lächelnd erklärte er, er habe seine Maschine verpasst, weil er am Flughafen von Chicago noch mit jemandem geredet habe.

Ich wies darauf hin, dass eine Gruppe von Leuten auf uns in Freemont wartete, dass es grosse Pläne für den Abend gab und das Essen gerade kalt wurde. Er blickte ein wenig besorgt und ging augenblicklich schneller. Auf dem Weg zur Gepäckausgabe bemerkte er das unglückliche Mädchen, bog auf der Stelle ab und setzte sich neben sie auf die Bank. Er sagte: "Na, was kann denn so schlimm sein, dass es dir so schlecht geht?" Sie breitete die ganze tragische Geschichte vor ihm aus: den verpassten Flug, den wütenden Freund, das Konzert der Grateful Death, das sie nun verpasste, ihr ganz und gar ruiniertes Leben.

Kobun hörte aufmerksam zu und sagte dann: "Ach, weisst du, ich habe meinen Flug ZWEIMAL verpasst." Irgendwie entlockte er ihr damit ein kleines Lächeln. Dann sagte Kobun: "Ich kann dir helfen", worauf sie entgegnete: "Wie in Gottes Namen können Sie mir helfen?" Er sagte: "Weisst du, wie man am besten wartet?"

Daraufhin zeigte er ihr, wie sie ihre Hände im Zazen-Mudra zusammenlegen, ihre Wirbelsäule strecken, die Augen senken und atmen könne. Dort, in der Ankunftshalle des Flughafens, lehre er sie, Zazen zu sitzen. In diesem Moment lösten sich meine Sorgen um das Abendessen und die wartenden Menschen vollkommen auf, und die nächsten 10 Minuten sassen wir drei einfach nur still da. Kobun unterbrach die Stille mit einer lustigen Bemerkung - ich kann mich nicht mehr erinnern, was er genau sagte, aber das Mädchen und er lachten aus vollem Halse. Für mich war es eine einzigartige Lehrstunde. Kobun war vollkommen konzentriert auf das, was direkt vor ihm war: ein Mensch, dem es schlecht ging, der litt, und er nutzte die Gelegenheit, um sie zu trösten und vom Dharma zu sprechen. Ich hatte viele unvergessliche Momente mit Kobun. Dieser war einer der denkwürdigsten.